Liebes
Tagebuch,
mittlerweile sind es nur noch 56 Tage, bis ich nach
Hause nach Deutschland fliege, meine Freunde und Familie wieder sehe.
Meine Gefühle? Ein verrückter Mix aus zu vielen Sachen; Am liebsten
würde ich an den Strand ziehen und ein Leben als Fisch führen. Und
gleichzeitig würde ich gerne meine Koffer packen und nach Hause
fliegen. Aus diesem Grund gab es auch die Prereturn Orientiation am
01.-03. Mai in Camp Joy, Apopka nahe Orlando.
Freitag nach der
Schule ging es los.
Zusammen mit Harold, Jorge und Go würde ich
3,5 Stunden lang im Auto sitzen, die Musik des letzten Sommers hören
und den Highway entlang fahren.
Während der ganzen Fahrt haben
wir hauptsächlich nur über eins geredet; was mit uns passieren
wird, wenn wir wieder Zuhause sind und wie sehr uns doch unsere
Freunde in den Staaten und unsere Gastfamilien vermissen werden.
In
meinen Ohren hat es sich mehr als nur merkwürdig angehört. An
diesem Wochenende war dies auch das wichtigste Thema; nicht nur wir
haben uns verändert, sondern auch unsere Freunde Zuhause und unsere
Familien. Was wird auf uns zu kommen? Was werden wir ein weiteres Mal
meistern müssen? Was wird passieren? Und vor allem WIE WIRD ES
NACH ALLEM WEITER GEHEN?
Diese
und auch mehrere Fragen schwirrten und summten uns seit Tagen oder
Wochen im Kopf herum. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr übrig. Bald
werden wir unsere Koffer packen müssen, zum Flughafen fahren und
dann... abhauen? Gehen? Für eine Zeit verreisen? Zurückkehren oder
doch im Untergrund abtauchen?
Nach
einigen Minuten haben wir uns entschieden uns von diesem Thema zu
verabschieden, da es uns doch mulmig in der Magengrube wurde (oder
war es doch nur der Hunger gewesen?).
Nachdem
Go's chinesischen Kekse in allen Mündern verschwunden waren, fing
Harold an von Burgern und Pommes zu schwärmen. Wie gut doch
gegrilltes Fleisch riecht, wenn es frisch gebraten serviert aus der
Pfanne kommt. Nachdem uns langsam auch der Sabber aus den Mündern
lief, entschlossen wir uns kurz anzuhalten und zu essen. Natürlich
Burger, so wie es sich gehört. Nachdem wir allerdings schon ziemlich
satt waren, hat uns Harold noch mit Donuts gefüttert. Auf AFS
Wochenenden kann man eben nicht auf Diät sein. Auch als wir ankamen,
gab es noch genügend Pizza und Cola für alle. Doch zu erst mussten
wir überhaupt das Camp finden, in dem wir die nächsten zwei Nächte
verbringen würden...
Und
„Oh my Gosh“!
Einen
Horrormovie kann man nicht mehr mit der Nacht vergleichen, in der
sich unser Leben veränderte... (Ich sollte wirklich anfangen Bücher
zu schreiben!)
Der
Mond war zu seiner vollen Größe gewachsen, strahlte die dunklen
Wälder um uns herum an, während er gleichzeitig den Weg zu Camp Joy
erleuchtete. Doch sollte es wirklich ein Camp der Freude werden? Es
lag im Mitten eines Naturreservates, umgeben von Rehen, Wildschweinen
und auch Schwarzbären. Oder waren dort noch andere Gestalten im Wald
verborgen, von denen niemand ahnte? Ob wir die Nacht überleben
würde, wusste keiner. (Ich sag's dir, Tagebuch. Ich werde eine
Bestsellerautorin) Mitten in der Dunkelheit stießen wir auf ein
verschlossenes Tor – der Eingang in die Höhle des Löwen. Harold
hatte seine Waffe nicht dabei und der Motor des Autos gab langsam den
Geist auf. Der Benzintank war leer. Dies war der Punkt, an dem wir
uns entschieden hatten uns aufzuteilen. (Jetzt wissen alle
Horrormovie Experten, dass bald alle verschwinden und sterben
werden.) Als Jorge versuchte das Tor gewaltsam und mit Mühe
aufzumachen, geschah....
Nichts.
Im Grunde ist nichts mehr passiert. Zwar hatten wir uns erst
verfahren, aber alles hat tadellos funktioniert, und wenn mich ein
Bär gegessen hätte, würde ich nicht am Computer sitzen und einen
Bericht schreiben.
Nachdem
sich alle begrüßt hatten, das eine oder andere Pizzastück
verschwunden war und das Gepäck in den Zimmern verteilt wurde, sind
wir nach zwei Stunden auch alle schlafen gegangen. In zwei Zimmer
schliefen jeweils 11 Leute – Mädchen.
Die
Jungs blieben NATÜRLICH getrennt von uns. Auch die Badezimmer
mussten wir uns teilen. Auch wenn es mich überrascht; es gab keinen
dritten Weltkrieg!
Am
nächsten Morgen würde uns immerhin ein langer Tag bevorstehen.
Der
Samstagmorgen war schlimm.
Ich
rede nicht davon, dass wir einige Aufgaben hinter uns bringen
mussten. Nein, wir waren müde. Totmüde und fast am Schlafen. Nach
dem Frühstück wurden wir an schließlich in Gruppen aufgeteilt,
damit wir vier Kapitel hinter uns bringen konnten.
Das
erste Kapitel handelte darüber, was Austauschschüler in der
letzten Zeit vor ihrem Abflug tun. Immerhin sind es nur noch 8 Wochen
bis zu unserem Abflug, natürlich macht man dann eben Dinge, um noch
einmal die letzte Chance zu ergreifen. Man geht feiern, eine
amerikanische Party besuchen, Drogen nehmen, vielleicht auch ab und
zu mal klauen. Vielleicht lässt man sich auch ein Tattoo stechen, um
eine unvergessliche Erinnerung an das Auslandsjahr zu haben. Man tut
es, weil es die letzte Chance ist.
Und
möchtest du, liebes Tagebuch, jetzt den wahren Grund wissen, weshalb
Austauschschüler manche Dinge wirklich machen? Ich möchte
zukünftige Austauschschüler vorbereiten. Wir tun es nicht, weil wir
eine Chance ergreifen möchten. Ein kurzer, wütender und
schmerzloser Abschied tut meistens weniger weh, als alles andere. Auf
einmal verfliegt die Angst nach Hause gesendet zu werden, denn wir
wissen, wenn wir jetzt etwas tun, gibt es kein langes Verabschieden.
Keine Schmerzen. Keinen Kummer.
Das
zweite Kapitel handelte darüber, wie wir uns verändert haben.
Wir sind erwachsener geworden, vielleicht reifer. Unser Charakter hat
sich verändert (und nicht nur unsere Kleidergröße). Wir haben ganz
viel darüber gesprochen, wie wir uns in diesem Jahr positiv,
vielleicht auch irgendwo negativ, verändert haben. Kaum zu glauben,
aber ein Jahr kann eine lange Zeit sein.
Im
dritten Kapitel haben wir einzelne Sachen besprochen, wie eine
To-Do-Liste führen, bevor wir nach Hause gehen. Das Fitnessstudio
kündigen, die Telefongesellschaft, Abschiedsbriefe schreiben, eine
Abschiedsparty schmeißen, und, und, und...
Im
vierten und somit letztem Kapitel für diesen Tag ging es
hauptsächlich um ein Thema; wie hat sich unsere Perspektive auf die
Dinge verändert. Auf die Welt, Religionen, Menschen, Kulturen,
Länder und Traditionen. Was haben wir für uns eingenommen und
daraus gelernt?
Nach
diesen Kapitel sind wir an schließlich zu den nahegelegenen Springs
gefahren, die ungefähr nur fünf Minuten von uns entfernt lagen. Mit
großen Schwimmreifen flossen wir durch den Fluss, einfach ein
bisschen vor uns hin geträumt, die Aussicht und den Sommer genossen.
Da
es das letzte Treffen war, wurden nicht die Regeln aufgelistet, die
wir befolgen müssen. Es wurde nichts wiederholt, das wir
normalerweise immer wiederholt hatten. Keine Regeln, keine Gesetzte.
Alles war zur Routine geworden. Bekannt und Aufgenommen. Es war durch
das Jahr zu einer Gewohnheitssache mutiert. Etwas, was man immer in
Gedanken hatte.
Nachdem
wir wieder im Camp waren, wurde ein Lagerfeuer angezündet, sodass
wir den Tag mit ein paar wunderschönen Stunden beenden
konnten...
Liebes Tagebuch, siehst du die Bilder hier? Wir sehen
glücklich aus, oder? Das sind wir auch, um die Wahrheit zu
sagen.
Auch wenn wir beide wissen, dass wir in einige Wochen
zurück in unser Heimland gehen werden, kann ich nicht verleugnen,
dass wir an diesem Abend glücklich waren. Der Himmel glänzte mit
Sternen und der Mond schien hell über unseren Köpfen hinweg. Aus
dem Wald kamen Geräusche. Vielleicht ein Reh, das sich dort verirrt
hatte. Oder doch ein Bär, der Austauschschüler als sein nächstes
Essen betrachtete. Das Lagerfeuer erhitzte unsere Gesichter, während
die Schokolade der Smores über den Flammen schmolz. Auf einmal
packte Toni seine Gitarre aus, und nebenbei zehn weitere Instrumente,
und spielte Lieder. Leider keine amerikanischen Countrysongs, aber
dafür konnten wir alle 'Blank Space' von Taylor Swift singen.



Und
irgendwie dann passierte es. Zumindest nicht bei mir, aber bei drei
anderen Mädels. Schluchzend fielen sie sich um den Hals, während
wir schweigend am Feuer saßen. Ich konnte ihre Trauer
nachvollziehen, aber selbst habe ich das Gefühl nicht verspürt.
Vielleicht lag es auch daran, dass ich nie viel mit den
Austauschschülern meiner Gruppe gemacht habe. Meine Freunde habe ich
in der Schule gefunden. Oder die meiste Zeit mit meiner Gastfamilie
verbracht. Aber ich habe gewusst, wie sie sich fühlten.
Am
nächsten Morgen wurde das Frühstück früher serviert, denn die
letzte Aufgabe stand uns bevor; Was wird passieren, wenn wir zurück
in unserem Heimatland sind?
Ich
werde alle Punkte aufrichten, die an diesem Morgen gefallen waren und
auf die ich auch treffen werde. Ich werde nicht meine Lösungen oder
Vorschläge verraten, da es noch nicht so weit für mich ist. Und ich
glaube, ich möchte mir dieser Sache noch nicht so ganz bewusst
werden. Manchmal ist das Ignorieren einfacher als die Realität.
Zuhause
werde ich auf diese Punkte stoßen:
Familie
Freunde
Schule
Zukunft
Heimatland
Ich
Selbst
Auf
einmal bekam jeder Angst, Panik und wurde sichtlich nervös.
Nachdem
wir uns ein Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika aufgebaut
hatten, sollten wir es jetzt einfach so verlassen? Einen Teil von uns
selbst irgendwo vergessen? Wegwerfen?
Und
genau das war der knackende Punkt. Man macht kein Auslandsjahr nur um
auf seinen Zeugnis gut auszusehen oder um sich bei einer Universität
zu bewerben. Man wird auch aufgenommen, ohne irgendwohin gegangen zu
sein. Falls es manche zukünftigen Austauschis noch nicht realisiert
haben; hier steckt so viel mehr, als nur die Sprache lernen. Ich gebe
zu. Am Anfang ging es mir hauptsächlich darum, weshalb ich mich auch
für die USA entschieden habe. Aber nach einer Zeit, in der man
Freunde gefunden hat, Lehrer, die einem begeistern und man sogar als
„große Tochter“ bezeichnet wird, geht es einem nicht nur mehr
darum eine Sprache zu lernen.
So
sehr ich mich auch auf Zuhause freue, endlich meiner Mama und meinem
Papa wieder auf die Nerven gehen will, es kaum erwarten kann meine
Freunde zu tyrannisieren, bin ich ein Teil einer Gemeinschaft
geworden, von der ich vor einem Jahr noch nicht einmal wusste, dass
es sie gibt.
Ich
habe in diesem Jahr viele Menschen kennengelernt, ich bin durch
Situationen gegangen, die ich von Zuhause nicht kannte, ich habe, wie
jeder gerne einmal sagt, meinen Horizont erweitert. Ich bin mir
bewusst, dass sich die Erde in Deutschland nicht aufgehört hat zu
drehen, seit ich hier bin. Menschen werden geboren, Menschen sterben.
Menschen ziehen um, kriegen eine neue Arbeitsstelle. Freunde gehen
auseinander und neue Gruppen entstehen. Die Stufe hat sich verändert,
seit ich hier bin. Natürlich habe ich Angst und ich kann mir nicht
ansatzweise vorstellen, wie es in Deutschland gerade ist. Ich sehe
nur Regen und graue Wolken. Aber ich sehe sie nur, weil ich noch
unvorbereitet auf die Heimkehr bin. Ich weiß nicht, wie es wird. Ich
habe keine Ahnung. Nicht einmal eine Vorstellung. Aber in einigen
Wochen werde ich dazu bereit sein nach Hause zu kehren, aber bis
dahin freue ich mich über die Zeit, die mir für die bislang beste
Verwirklichung meiner Träume bleibt.
Ich
werde meine Freunde hier aber auch vermissen. Die Momente, in denen
wir uns schlapp gelacht haben, in denen wir zusammen geweint haben.
Ich werde meine Gastfamilie vermissen und auch meine Gastgeschwister,
obwohl sie mir manchmal auf die Nerven gehen. Ich werde es vermissen
über den amerikanischen Highway zu fahren, in Dunkin Donuts zu essen
und fett zu werden mit der Ausrede, dass ich alles ausprobieren muss.
Ich
werde einen Teil meines Lebens vermissen – einen Teil, der nur in
einem Jahr statt gefunden und mich komplett verändert hat.
In
Liebe,
Emilia