Montag, 4. Mai 2015

AFS Orientation

Liebes Tagebuch,

mittlerweile sind es nur noch 56 Tage, bis ich nach Hause nach Deutschland fliege, meine Freunde und Familie wieder sehe. Meine Gefühle? Ein verrückter Mix aus zu vielen Sachen; Am liebsten würde ich an den Strand ziehen und ein Leben als Fisch führen. Und gleichzeitig würde ich gerne meine Koffer packen und nach Hause fliegen. Aus diesem Grund gab es auch die Prereturn Orientiation am 01.-03. Mai in Camp Joy, Apopka nahe Orlando.



 
Freitag nach der Schule ging es los.
Zusammen mit Harold, Jorge und Go würde ich 3,5 Stunden lang im Auto sitzen, die Musik des letzten Sommers hören und den Highway entlang fahren.
Während der ganzen Fahrt haben wir hauptsächlich nur über eins geredet; was mit uns passieren wird, wenn wir wieder Zuhause sind und wie sehr uns doch unsere Freunde in den Staaten und unsere Gastfamilien vermissen werden.
In meinen Ohren hat es sich mehr als nur merkwürdig angehört. An diesem Wochenende war dies auch das wichtigste Thema; nicht nur wir haben uns verändert, sondern auch unsere Freunde Zuhause und unsere Familien. Was wird auf uns zu kommen? Was werden wir ein weiteres Mal meistern müssen? Was wird passieren? Und vor allem WIE WIRD ES NACH ALLEM WEITER GEHEN?
Diese und auch mehrere Fragen schwirrten und summten uns seit Tagen oder Wochen im Kopf herum. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr übrig. Bald werden wir unsere Koffer packen müssen, zum Flughafen fahren und dann... abhauen? Gehen? Für eine Zeit verreisen? Zurückkehren oder doch im Untergrund abtauchen?
Nach einigen Minuten haben wir uns entschieden uns von diesem Thema zu verabschieden, da es uns doch mulmig in der Magengrube wurde (oder war es doch nur der Hunger gewesen?).
Nachdem Go's chinesischen Kekse in allen Mündern verschwunden waren, fing Harold an von Burgern und Pommes zu schwärmen. Wie gut doch gegrilltes Fleisch riecht, wenn es frisch gebraten serviert aus der Pfanne kommt. Nachdem uns langsam auch der Sabber aus den Mündern lief, entschlossen wir uns kurz anzuhalten und zu essen. Natürlich Burger, so wie es sich gehört. Nachdem wir allerdings schon ziemlich satt waren, hat uns Harold noch mit Donuts gefüttert. Auf AFS Wochenenden kann man eben nicht auf Diät sein. Auch als wir ankamen, gab es noch genügend Pizza und Cola für alle. Doch zu erst mussten wir überhaupt das Camp finden, in dem wir die nächsten zwei Nächte verbringen würden...

Und „Oh my Gosh“!
Einen Horrormovie kann man nicht mehr mit der Nacht vergleichen, in der sich unser Leben veränderte... (Ich sollte wirklich anfangen Bücher zu schreiben!)
Der Mond war zu seiner vollen Größe gewachsen, strahlte die dunklen Wälder um uns herum an, während er gleichzeitig den Weg zu Camp Joy erleuchtete. Doch sollte es wirklich ein Camp der Freude werden? Es lag im Mitten eines Naturreservates, umgeben von Rehen, Wildschweinen und auch Schwarzbären. Oder waren dort noch andere Gestalten im Wald verborgen, von denen niemand ahnte? Ob wir die Nacht überleben würde, wusste keiner. (Ich sag's dir, Tagebuch. Ich werde eine Bestsellerautorin) Mitten in der Dunkelheit stießen wir auf ein verschlossenes Tor – der Eingang in die Höhle des Löwen. Harold hatte seine Waffe nicht dabei und der Motor des Autos gab langsam den Geist auf. Der Benzintank war leer. Dies war der Punkt, an dem wir uns entschieden hatten uns aufzuteilen. (Jetzt wissen alle Horrormovie Experten, dass bald alle verschwinden und sterben werden.) Als Jorge versuchte das Tor gewaltsam und mit Mühe aufzumachen, geschah....
Nichts. Im Grunde ist nichts mehr passiert. Zwar hatten wir uns erst verfahren, aber alles hat tadellos funktioniert, und wenn mich ein Bär gegessen hätte, würde ich nicht am Computer sitzen und einen Bericht schreiben.
Nachdem sich alle begrüßt hatten, das eine oder andere Pizzastück verschwunden war und das Gepäck in den Zimmern verteilt wurde, sind wir nach zwei Stunden auch alle schlafen gegangen. In zwei Zimmer schliefen jeweils 11 Leute – Mädchen.
Die Jungs blieben NATÜRLICH getrennt von uns. Auch die Badezimmer mussten wir uns teilen. Auch wenn es mich überrascht; es gab keinen dritten Weltkrieg!
Am nächsten Morgen würde uns immerhin ein langer Tag bevorstehen.

Der Samstagmorgen war schlimm.
Ich rede nicht davon, dass wir einige Aufgaben hinter uns bringen mussten. Nein, wir waren müde. Totmüde und fast am Schlafen. Nach dem Frühstück wurden wir an schließlich in Gruppen aufgeteilt, damit wir vier Kapitel hinter uns bringen konnten.
Das erste Kapitel handelte darüber, was Austauschschüler in der letzten Zeit vor ihrem Abflug tun. Immerhin sind es nur noch 8 Wochen bis zu unserem Abflug, natürlich macht man dann eben Dinge, um noch einmal die letzte Chance zu ergreifen. Man geht feiern, eine amerikanische Party besuchen, Drogen nehmen, vielleicht auch ab und zu mal klauen. Vielleicht lässt man sich auch ein Tattoo stechen, um eine unvergessliche Erinnerung an das Auslandsjahr zu haben. Man tut es, weil es die letzte Chance ist.
Und möchtest du, liebes Tagebuch, jetzt den wahren Grund wissen, weshalb Austauschschüler manche Dinge wirklich machen? Ich möchte zukünftige Austauschschüler vorbereiten. Wir tun es nicht, weil wir eine Chance ergreifen möchten. Ein kurzer, wütender und schmerzloser Abschied tut meistens weniger weh, als alles andere. Auf einmal verfliegt die Angst nach Hause gesendet zu werden, denn wir wissen, wenn wir jetzt etwas tun, gibt es kein langes Verabschieden. Keine Schmerzen. Keinen Kummer.

Das zweite Kapitel handelte darüber, wie wir uns verändert haben. Wir sind erwachsener geworden, vielleicht reifer. Unser Charakter hat sich verändert (und nicht nur unsere Kleidergröße). Wir haben ganz viel darüber gesprochen, wie wir uns in diesem Jahr positiv, vielleicht auch irgendwo negativ, verändert haben. Kaum zu glauben, aber ein Jahr kann eine lange Zeit sein.
Im dritten Kapitel haben wir einzelne Sachen besprochen, wie eine To-Do-Liste führen, bevor wir nach Hause gehen. Das Fitnessstudio kündigen, die Telefongesellschaft, Abschiedsbriefe schreiben, eine Abschiedsparty schmeißen, und, und, und...
Im vierten und somit letztem Kapitel für diesen Tag ging es hauptsächlich um ein Thema; wie hat sich unsere Perspektive auf die Dinge verändert. Auf die Welt, Religionen, Menschen, Kulturen, Länder und Traditionen. Was haben wir für uns eingenommen und daraus gelernt?

Nach diesen Kapitel sind wir an schließlich zu den nahegelegenen Springs gefahren, die ungefähr nur fünf Minuten von uns entfernt lagen. Mit großen Schwimmreifen flossen wir durch den Fluss, einfach ein bisschen vor uns hin geträumt, die Aussicht und den Sommer genossen.


Da es das letzte Treffen war, wurden nicht die Regeln aufgelistet, die wir befolgen müssen. Es wurde nichts wiederholt, das wir normalerweise immer wiederholt hatten. Keine Regeln, keine Gesetzte. Alles war zur Routine geworden. Bekannt und Aufgenommen. Es war durch das Jahr zu einer Gewohnheitssache mutiert. Etwas, was man immer in Gedanken hatte.

Nachdem wir wieder im Camp waren, wurde ein Lagerfeuer angezündet, sodass wir den Tag mit ein paar wunderschönen Stunden beenden konnten...
Liebes Tagebuch, siehst du die Bilder hier? Wir sehen glücklich aus, oder? Das sind wir auch, um die Wahrheit zu sagen.
Auch wenn wir beide wissen, dass wir in einige Wochen zurück in unser Heimland gehen werden, kann ich nicht verleugnen, dass wir an diesem Abend glücklich waren. Der Himmel glänzte mit Sternen und der Mond schien hell über unseren Köpfen hinweg. Aus dem Wald kamen Geräusche. Vielleicht ein Reh, das sich dort verirrt hatte. Oder doch ein Bär, der Austauschschüler als sein nächstes Essen betrachtete. Das Lagerfeuer erhitzte unsere Gesichter, während die Schokolade der Smores über den Flammen schmolz. Auf einmal packte Toni seine Gitarre aus, und nebenbei zehn weitere Instrumente, und spielte Lieder. Leider keine amerikanischen Countrysongs, aber dafür konnten wir alle 'Blank Space' von Taylor Swift singen.




 

Und irgendwie dann passierte es. Zumindest nicht bei mir, aber bei drei anderen Mädels. Schluchzend fielen sie sich um den Hals, während wir schweigend am Feuer saßen. Ich konnte ihre Trauer nachvollziehen, aber selbst habe ich das Gefühl nicht verspürt. Vielleicht lag es auch daran, dass ich nie viel mit den Austauschschülern meiner Gruppe gemacht habe. Meine Freunde habe ich in der Schule gefunden. Oder die meiste Zeit mit meiner Gastfamilie verbracht. Aber ich habe gewusst, wie sie sich fühlten.

Am nächsten Morgen wurde das Frühstück früher serviert, denn die letzte Aufgabe stand uns bevor; Was wird passieren, wenn wir zurück in unserem Heimatland sind?
Ich werde alle Punkte aufrichten, die an diesem Morgen gefallen waren und auf die ich auch treffen werde. Ich werde nicht meine Lösungen oder Vorschläge verraten, da es noch nicht so weit für mich ist. Und ich glaube, ich möchte mir dieser Sache noch nicht so ganz bewusst werden. Manchmal ist das Ignorieren einfacher als die Realität.
Zuhause werde ich auf diese Punkte stoßen:
  • Familie
  • Freunde
  • Schule
  • Zukunft
  • Heimatland
  • Ich Selbst

Auf einmal bekam jeder Angst, Panik und wurde sichtlich nervös.
Nachdem wir uns ein Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika aufgebaut hatten, sollten wir es jetzt einfach so verlassen? Einen Teil von uns selbst irgendwo vergessen? Wegwerfen?
Und genau das war der knackende Punkt. Man macht kein Auslandsjahr nur um auf seinen Zeugnis gut auszusehen oder um sich bei einer Universität zu bewerben. Man wird auch aufgenommen, ohne irgendwohin gegangen zu sein. Falls es manche zukünftigen Austauschis noch nicht realisiert haben; hier steckt so viel mehr, als nur die Sprache lernen. Ich gebe zu. Am Anfang ging es mir hauptsächlich darum, weshalb ich mich auch für die USA entschieden habe. Aber nach einer Zeit, in der man Freunde gefunden hat, Lehrer, die einem begeistern und man sogar als „große Tochter“ bezeichnet wird, geht es einem nicht nur mehr darum eine Sprache zu lernen.
So sehr ich mich auch auf Zuhause freue, endlich meiner Mama und meinem Papa wieder auf die Nerven gehen will, es kaum erwarten kann meine Freunde zu tyrannisieren, bin ich ein Teil einer Gemeinschaft geworden, von der ich vor einem Jahr noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt.
Ich habe in diesem Jahr viele Menschen kennengelernt, ich bin durch Situationen gegangen, die ich von Zuhause nicht kannte, ich habe, wie jeder gerne einmal sagt, meinen Horizont erweitert. Ich bin mir bewusst, dass sich die Erde in Deutschland nicht aufgehört hat zu drehen, seit ich hier bin. Menschen werden geboren, Menschen sterben. Menschen ziehen um, kriegen eine neue Arbeitsstelle. Freunde gehen auseinander und neue Gruppen entstehen. Die Stufe hat sich verändert, seit ich hier bin. Natürlich habe ich Angst und ich kann mir nicht ansatzweise vorstellen, wie es in Deutschland gerade ist. Ich sehe nur Regen und graue Wolken. Aber ich sehe sie nur, weil ich noch unvorbereitet auf die Heimkehr bin. Ich weiß nicht, wie es wird. Ich habe keine Ahnung. Nicht einmal eine Vorstellung. Aber in einigen Wochen werde ich dazu bereit sein nach Hause zu kehren, aber bis dahin freue ich mich über die Zeit, die mir für die bislang beste Verwirklichung meiner Träume bleibt.

Ich werde meine Freunde hier aber auch vermissen. Die Momente, in denen wir uns schlapp gelacht haben, in denen wir zusammen geweint haben. Ich werde meine Gastfamilie vermissen und auch meine Gastgeschwister, obwohl sie mir manchmal auf die Nerven gehen. Ich werde es vermissen über den amerikanischen Highway zu fahren, in Dunkin Donuts zu essen und fett zu werden mit der Ausrede, dass ich alles ausprobieren muss.
Ich werde einen Teil meines Lebens vermissen – einen Teil, der nur in einem Jahr statt gefunden und mich komplett verändert hat.

In Liebe,
Emilia

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