Freitag, 15. August 2014

Der Anfang des Abenteuers

"And I'll make a wish, take a chance, make a change
And breakaway

Out of the darkness and into the sun
But I won't forget all the ones that I loved
I'll take a risk, take a chance, make a change
And breakaway"

Kelly Clarkson, Breakaway


Als eine Schülerin, die normalerweise in Deutsch immer aufgepasst hat, sollte ich die Reihenfolge der Dinge beachten und sie genauso aufführen – sachlich und präzise – wie sie eben sind. Aber das würde nicht der Wahrheit entsprechen und ich möchte Euch keinesfalls anlügen.

Um 0.45 Uhr am 14. August sprang ich wortwörtlich aus dem Bett. Nicht deshalb, weil ich aufgeregt und überaus glücklich war, sondern weil mein Magen die physikalischen Gesetze vernachlässigte.
Ihr müsst wissen, dass wir Austauschschüler uns schon auf unser Abenteuer freuen, doch irgendwann kommen wir zu dem Punkt und erleben einen gewissen Moment, in welchen wir uns fragen, was für eine Scheiße wir dort eigentlich treiben. In genau diesem Moment befand ich mich. Ich sah nicht nur die positiven und rosaroten Dinge, die auf mich bestimmt irgendwann zukommen würden. Das Einzige, was ich wirklich sah, war, wie ich einen Weg finden würde, unser Auto zu klauen, das einem Ort zu verstecken, an dem meine Eltern es später finden würden und mir eine plausible Ausrede einfallen zu lassen, wie Diebe so geschickt ein Auto klauen können. Ich realisierte nicht zum ersten Mal, dass das Leben keine Stopptaste bietet, welche man nach Lust und Laune drücken kann. Das Leben würde in Dortmund weitergehen – ohne mich. Ich habe mich nicht gefreut. Panik, Angst, Nervosität breitete sich eher in mir aus. Und mit diesem Schmerz kämpfte ich den ganzen Morgen lang.
Nachdem ich ein paar Trauben allerdings heruntergewürgt und meine von Tränen geschwollenen Wangen überschminkt hatte, wobei ich mich im Badezimmer einschloss und vor lauter Aufregung vergass, wie man die Badezimmertür wieder öffnete und ich die nächsten zwei Minuten eine Herzattacke überlebte, fuhren wir zwei Stunden zum Frankfurter Airport. Mama, Papa, Onkel Mirek, Delia und (leider) ich.

 

Mein Flug nach New York sollte um 8.30 Uhr starten. 3,5 Stunden sollten wir uns vorher auf dem Flughafen befinden. Mit 80 AFSern (den Austauschschülern) und noch dazu 5 AFS-Mitarbeitern waren wir nicht wenige, die sich auf die Reise ihres Lebens vorbereiteten. Doch bevor wir irgendwohin fliegen konnten, wurden unsere Namen abgehakt, unsere halben Flugzeugtickets ausgehändigt und die letzten 10 Minuten des Verabschiedens trafen an. Wie auf Komando weinten wir wie aus Kübeln und Taschentücher wurden durch die Luft geschmissen. Natürlich habe ich geweint, denn man kann ganze 10 Monate nicht in 10 Minuten unterbringen.

Nachdem wir eingecheckt und unsere Koffer weggebracht hatten, hatten wir nun unsere Tickets und somit fing der ganze Spaß erst einmal richtig an. Gefühlte 100 Mal mussten wir unseren Reisepass kontrollieren lassen, damit auch wirklich alles – und mit alles meine ich jeden Buchstaben – stimmte. Irgendwann konnten wir auf ungestellte Fragen die Antworten liefern.

Im Flugzeug endlich angekommen, wurde unser bisher größter Wunsch erfüllt; Essen. Wir bekamen das, was wir angegeben hatten. Vegetarisch oder nicht vegetarisch. Wir bekamen die verschiedenste Auswahl an Getränken; Cola, Sprite, Fanta, Tee, Wasser, Kaffee, Apfel- oder Orangensaft. Dazu ein Brötchen und Marmelade und Butter. Obst und Gemüse, und natürlich einen kleinen Nachtisch – Kuchen. Das Hauptgericht waren eine Wurst und ein Omlet mit Kartoffeln, sowohl waren auch Pilze auf dem Teller. Zum Mittag hatten wir ebenfalls das Glück mit Essen beliefert zu werden; wie immer Obst und Gemüse, ein Brötchen, und Kuchen. Und alles war mit im Preis enthalen. So lecker das Essen auch aussah, so konnte ich kein Bissen davon runterschlucken. Die Nervosität lag mir im Magen und obwohl ich fast am Verhungern war, war es einfach nur quälend.


 

Da wir mit einer der größten Fluggesellschaften (Singapore Airlines) flogen, konnten wir uns nicht beschweren. Zur Auswahl standen viele Dinge, die mich ablenken konnten, es doch nicht geschafft haben. Filme, wie "die Schöne und das Biest", Musik, sogar alle Soundtracks aus dem Film "Das Schicksal ist ein mieser Verräter", verschiedene Serien oder man schlief einfach nur, was ich auch im Endeffekt getan habe, da ich wahrscheinlich sonst im Stehen eingeschlafen wäre. Immer wieder habe ich mir die Anzeige angesehen, wie weit wir nun waren und wie viele Stunden wir nach New York noch brauchen würden.

 

 Im Flugzeug hatte ich einen weiteren, erleuchtenden Moment. Heimweh hatte ich keinen, langsam bereitete sich das Gefühl von Vorfreude aus. Endlich am Boden zu sein und zu wissen, wie es weiter geht. Denn dort oben am Himmel hatte ich keine Informationen, wie ich zu meiner Gastfamilie kommen würde, welchen Flug ich nehmen würde und was mit mir passierte.
Neben acht Stunden Flug, schloss ich neue Freundschaften und tauschte Nummern aus – so wie es sich für eine Austauschschülerin eben gehört.
(Liebe Grüße an Maria, falls sie das lesen sollte :))

In New York angekommen, wurden wir erst einmal alle durch verschiedene Schalter gejackt, damit die fürsorglichen und immer aufpassenden Amis uns ein weiteres Mal durchchecken konnten. Obwohl meine Blase damals schon am Platzen war, mussten wir eine geschlagene Stunde warten, bis wir unsere Koffer abholen durften. Falls ihr euch fragt, was wir eigentlich mitnehmen durften; einen Koffer mit bis zu 23 Kilo, einen Laptop in einer Laptoptasche und Handgepäck bis zu 7 Kilo. Als wir nach 1,5 Stunden mit dem Indentifizieren fertig waren, wurden wir unseren neuen Flügen und AFS USA zugeteilt.
Schock. Meines. Bisherigen. Lebens.
Da ich die einzige Auserwählte war, die in dem kleinen Örtchen Boca Raton leben würde, musste ich von New York aus nach Fort Lauderdale, wo mich meine Gastfamilie auch abholte, alleine fliegen. Ich checkte ein weiteres Mal mit vier anderen Austauschschülern, die allerdings nach Orlando flogen, ein, brachte mein Gepäck weg und folgte den gelben Pfeilen zum Gate 22. Die zwei restlichen Stunden verbrachte ich damit ein Schokobrötchen zu essen und Wasser zu trinken, tausend Male auf's Klo zu gehen und zu warten. Nebenbei rief ich meine Eltern an, um ihnen zu versichern, dass ich lebte und schrieb meinen Freunden. Als der Flug dann endlich los ging, war ich ruhig. Die Wartezeit und meine Müdigkeit hatten mich bis zum letzten Zeh ausgepowert und nichts war mir lieber, als endlich von meiner Gastfamilie empfangen zu werden. Nach drei Stunden Flug und nachdem ich Leute gefragt hatte, wo ich nun mein Koffer abholen konnte, wurde ich auf halben Wege von meiner Gastfamilie abgefangen, herzlich mit Umarmungen und Blumen begrüßt und danach fuhren wir endlich – nach 24 Stunden Reise – in mein neues Zuhause für 10 Monate. Zuhause rief ich dann meine Eltern an, wobei ich wieder anfangen musste zu heulen, packte nur die wichtigsten Sachen zum Schlafen aus und begab mich dann in mein neues Bett.

Meine Gefühle von Nervosität, Panik, Angst, Schrecken und dem Gefühl, nicht gehen zu wollen, veränderten sich schlagartig. Ich war bereit für etwas Neues, für etwas Waghalsiges, für etwas, was mein Leben und meine Sicht für immer ändern würde. Ich hatte kein Heimweh. Das Gefühl von Freude übergoss mich sehlichst und ich schlief ein.

 

In Liebe, Emilia
Ps: Bald kommt wieder ein neuer Eintrag, muss ihn nur noch zu Ende schreiben. :))

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